Obwohl es inzwischen über 60 Jahre her ist, erinnert sich der Unternehmer und Handwerksmeister Josef Neundörfer noch sehr lebhaft an seine Lehrzeit zurück. "Ich wollte damals unbedingt einen handwerklichen und kreativen Beruf erlernen. Deshalb habe ich mich als Elektriker, Fliesenleger und Stuckateur beworben", schildert der 65-Jährige. Letztendlich entschied er sich dann für eine Ausbildung zum Stuckateur.

Das war 1961. Seine damalige Lehrstelle war bei einem Bamberger Betrieb in der Nürnberger Straße. "Wir wohnten zu jener Zeit in Melkendorf und da es fast keine Autos gab und die Busanbindung auch nur selten verkehrte, bin ich nahezu jeden Tag mit dem Fahrrad zu Arbeit gefahren", berichtet Neundörfer. Und dies sechs Tage in der Woche. Denn damals gab es noch die 45 Stunden-Woche und der Samstag war, wenn auch "nur" bis 14 Uhr, ein normaler Arbeitstag. Vergangenheit. Heute ist Josef Neundörfer stolz auf seinen eigenen Betrieb in Litzendorf.

Der Stuckateur hat seinen Beruf noch "von der Pike" auf gelernt. Denn Maschinen habe es zu jener Zeit fast keine gegeben. Das Handwerk war noch im wahrsten Sinne des Wortes ein "Werk mit den Händen" und mit viel Kraftaufwand verbunden. "Die Technik steckte in den Kinderschuhen. Selbst unsere Gerüste waren aus Holz und im Winter mussten wir Lehrlinge regelmäßig aus Fichtenästen unsere Gerüststangen schnitzen." Eine duale Ausbildung gab es ebenso wenig. Montags war Berufsschule angesagt und von dienstags bis samstags arbeitete man im Betrieb. 



Dennoch fand Josef Neundörfer viel Gefallen an seinem Beruf, so dass er nach seiner dreijährigen Lehrzeit und einigen Jahren Arbeit als Geselle Mitte der 70er Jahre seinen Meister ablegte. "Danach war ich drei Jahre im Außendienst beschäftigt und habe dabei viele Erfahrungen gesammelt", berichtet der Altmeister.


Eigene Firma gegründet


1979 hat er sich selbständig gemacht und seine eigene Firma gegründet. Angefangen hat er mit zwei Gesellen. Zu Hochzeiten in den 80er Jahren hingegen hatte Neundörfer 23 Arbeiter sowie einen Meister beschäftigt. Zudem hat er bis zum heutigen Tag 14 Lehrlinge ausgebildet. "Jeder von ihnen hat einen hervorragenden Schulabschluss gemacht. Drei meiner Auszubildenden haben es sogar zum Bundessieger geschafft."

Und selbst heute nach über 60 Jahren ist Josef Neundörfer noch immer von seinem Beruf begeistert. "Mich hat die kreative und filigrane Arbeit ein Leben lang fasziniert. Daher habe ich mich immer fortgebildet. 1983 erweiterte ich mein Berufsbild und wurde zusätzlich Restaurator im Stuckateur-Handwerk." Seitdem hat er an unzähligen Restaurationsarbeiten an historischen Bauten mitgewirkt. So beispielsweise am Bamberger Dom oder dem Erzbischöflichen Palais.

Und wann denkt der rüstige Unternehmer an Ruhestand? "Ich freue mich, dass mein Sohn in meine Fußstapfen getreten ist und sehr ehrgeizig im Betrieb mitarbeitet." Doch eine Zeit lang wolle Neundörfer schon noch arbeiten, ehe er dann sein Unternehmen an seinen Filius weitergibt.

Für seine 30 Jahre selbstständige Arbeit wurde Josef Neundörfer nun zusammen mit weiteren 20 Altmeistern von der Bamberger Kreishandwerkerschaft mit dem "Goldenen Meisterbrief" ausgezeichnet. "Anders als bei vielen Ehrungen bekommt man im Handwerk nicht automatisch einen Goldenen Meisterbrief. So reicht es nicht aus, dass man mindestens das 65. Lebensjahr erreicht hat, sondern man muss auch noch mindestens drei Jahrzehnte lang selbständig ein Handwerk ausgeübt haben”, würdigte Kreishandwerksmeister Manfred Amon die Verdienste der Altmeister in der Zunftstube im Haus des Handwerks.


Staatstragende Säule


Durch ihre kontinuierliche Arbeit und ihr unermüdliches Engagement bildeten die Altmeister und damit das Handwerk eine staatstragende Säule in Deutschland. Denn mit positiven Tugenden wie Wissen und Können, Weitblick, Ehrgeiz, Einfallsreichtum, Ehrlichkeit, Standfestigkeit, Mut, Geschick und Ausdauer hätten sie jede noch so schwere Herausforderung gemeistert. "Und genau diese Tugenden sind es, die den Staat tragen und die in unserer Gesellschaft nicht in Vergessenheit geraten dürfen", betonte Amon.

Auch Matthias Graßmann, Vizepräsident der Handwerkskammer Oberfranken, lobte die Leistungen des Handwerks. "Jede vierte Betriebsstätte entfällt auf das Handwerk, jeder fünfte Beschäftigte ist im Handwerk tätig und jeder dritte Auszubildende beginnt seine Berufslaufbahn im Handwerk." Damit sei das Handwerk eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft, die selbst in Zeiten der Staatsschuldenkrise in Europa kaum merklich zu erschüttern sei.

Allerdings müsse sich auch das Handwerk den nächsten Jahren einer großen Herausforderung stellen: nämlich der Nachwuchsgewinnung. "Der Ausbildungstrend hat sich gedreht. Die Zahl der angebotenen Lehrstellen steigt weiter, die Zahl der Bewerber geht zurück. Heute haben wir in unserer Lehrstellenbörse bereits 180 offene Lehrstellen für das nächste Ausbildungsjahr registriert", sagte der Vizepräsident. Daher sollten Handwerksbetriebe frühzeitig mit der Werbung um Auszubildende beginnen. Zudem sah Graßmann in den Frauen eine große Chance für das Handwerk.